Zunderschwamm - Blitzschlag adé


Der Pilz
Der Echte Zunderschwamm (Fomes fomentarius, Abb. 1*) befällt als Parasit erkrankte Bäume, hier bevorzugt Birken und Buchen (Abb. 2), dessen Holz er zersetzt. Er wird leicht mehrjährig, nimmt eine konsolenartig geformte Gestalt an und kann eine Breite von ca. 50 Zentimetern erreichen. Die äussere Kruste ist sehr hart, ihre Farbe ist vorwiegend grau bis graubraun und mit braunen und orangenen Streifen versehen. Anfangs ist der Pilz zäh und korkig, im Alter hart und holzig. Zunderschwamm ist allenfalls mit dem Pilz Fomitopsis pinicola zu verwechseln. Ich habe von zwei Möglichkeiten zu Unterscheidung gelesen. Die Rinde des Echten Zunderschwammes wird in Kalilauge gelegt und färbt dann die Lösung blutrot. Die andere Unterscheidung ist, dass seine Rinde bei Erwärmung nicht schmilzt.
Der unter Naturschutz stehende Zunderschwamm wurde 1995 zum 'Pilz des Jahres' gewählt.

*) Lt. Dr. Roland Engesser, Leiter des Phytosanitaeren Beobachtungs- und Meldedienstes (PBMD), handelt es sich bei dieser Abbildung um den Rotrandigen Feuerschwamm.

Zur Geschichte
Im frühen 19. Jahrhundert wurde der Zunderschwamm industriell abgebaut. Ein Zentrum hier war Neustadt am Rennsteig und der Bayrische/Böhmische Wald. Im Jahre 1842 betrug die Neustädter Produktion 430 Zentner. Zunderschwamm wurde bis nach England importiert. Die neu erfundenen Streichhölzer waren anfangs keine Konkurrenz, da viele Leute eine Selbstentzündung beim Zunder nicht befürchten mussten. Wenn ich die Geschichte richtig interpretiere war das Ganze später nicht mehr lukrativ, da der zur Feuerherstellung benötigte Feuerstein teuer aus Frankreich und England importiert werden musste.

Vorbereitung des Materials
Als Zunder findet das unter der Rinde befindliche Fruchtfleisch (Trama, Abb. 3 u. 4) Verwendung. Diese Schicht ist flockig bis hart-faserig. Mit einem Messer wird die krustige Rinde dünn weggeschnitten. Das sich darunter befindliche Fruchtfleisch wird in dünne Scheiben geschnitten (Abb. 5). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich der Bereich, der sich unter der Spitze befindet besser eignet, weil weicher, als das Fruchtfleisch der harten Aussenschicht.

Zundergewinnung
Als erstes möchte ich hier von einem Fehlversuch berichten. Ich hatte gelesen, dass das Zeug 'gezupft' werden sollte. Ich bin mir sicher, jüngere Exemplare des Pilzes verarbeitet zu haben. Der Pilz konnte mit der Hand gequetscht werden, sogar die unten befindlichen Sporenröhren waren weich. Trotzdem war nichts mit 'zupfen'. Was tun? Ich kam aus die Idee maschinell 'zupfen' zu lassen und benutzte dazu eine alte Kaffeemühle. Das Resultat war zunächst gut. Das Fruchtfleisch zerfaserte stark (Abb. 6). Das Erscheinungsbild erinnerte an Watte. Ich zerfaserte solange, bis die Kaffeemühle durchbrannte. Nach dem Nitrieren sollten sich die Fasern dann zu einem Vlies zusammenfinden.
Im Internet wurde ich darüber informiert, das Zunder einige Tage in einer 20prozentigen Salpeterlösung eingelegt werden soll. Der Salpeteranteil soll dazu dienen, dass sich die Glut besser fortpflanzt. (Ich bestellte Kalisalpeter in der örtlichen 'Eichhorn'-Apotheke. Der örtliche Apotheker schaute so merkwürdig wie sein Wappentier, als ich erwähnte, dass Salpeter ein Bestandteil des ortsüblichen Schwarzpulvers sei.) Die Lösung aus 40 Gramm Salpeter und 160 ml Wasser wurde von der Zunder-Watte nahezu gänzlich aufgesaugt. An dieser Stelle bekam ich ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit meines Versuches. Ich wusste, dass Ötzi in Ermangelung von Salpeter zum Nitrieren vermutlich auf seinen Zunder urinierte. Doch kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mensch 40 Gramm Salpeter in seiner Blase erzeugt. Und wenn die Zunder-Watte getrocknet ist, verbleibt der Salpeter gänzlich darin, was zweifellos zuviel wäre. Nach zwei Tagen presste ich den Brei aus um einen Teil des Salpeters mit dem Wasser zu entfernen und strich das Ganze auf ein Holzbrett zum Trocknen aus. Nass schon eklig anzusehen (Abb. 7), wirkte es nach dem Trocknen wie Krümelkacke. Mein so gewonnener Zunder funktioniert nicht wie gewünscht. Zwei Gründe können dafür aufgeführt werden. Beim Feuerschlagen zerbröselt der Zunder und fällt vom Feuerstein. Zweitens verbrennt das Zeug durch den zu hohen Salpeteranteil viel zu schnell.

Okay, gut das die Kaffemühle den Geist aufgab. Das sicherte einen Teil des geschnittenen Fruchtfleisches vor dem Zerfasern. Ich legte also ganze Scheiben in eine Salpeterlösung und liess es drei Tage lang einziehen. Danach trocknete ich die Scheiben nicht wie empfohlen, sondern klopfte sie in nassem Zustand mit einem Holzhammer auf einem Brett aus. Hier machte ich auch die Erfahrung, dass sich die dickere, weichere Schicht Fruchtfleisch aus dem Bereich Pilzspitze besser verarbeiten lässt als das aus den Randbereichen. Die Oberfläche des Zunders wird durch das Klopfen beträchtlich vergrössert und nimmt nach dem Trocknen einen wildlederartigen, samtigen Griff an.

Feuerschlagen
Zur Erzeugung eines Feuers auf diese Art werden mehrere Utensilien benötigt: Zunderschwamm, Feuerstein (Silex, Flint), Schlagstahl oder Schwefelkies, wie Eisenpyrit bzw. Markasit (Abb. 8). Ein Schlagstahl ist kein prähistorisches Gerät, sondern zeitgemäss eher im Mittelalter anzusiedeln. Da allerdings die Vorgehensweise die gleiche ist benutze ich der besseren Handhabung wegen diesen Stahl. Einfachstenfalls besteht er aus einem Stück einer alten Feile. Wichtig ist, dass er wirklich aus gehärtetem Stahl besteht. Historische Repliken, die wie ein flachgedrücktes Mini-Hufeisen aussehen, sind z, B. im Internethandel erhältlich.
Ein Stück Zunderschwamm wird mit der Kante eines Feuersteines leicht angerauht, um den Funken besser zu fangen. Der Feuerstein wird in die linke Hand genommen und anschliessend wird der Zunder obenauf gelegt und mit dem Daumen festgeklemmt (Abb.9). Das Zunderläppchen muss einer scharfen(!) Kante des Steins folgen. Der Schlagstahl befindet sich in der rechten Hand. Mit dem Stahl wird nun von oben nach unten die Steinkante streifend entlang geschlagen (Abb. 10). Nach einigen (oder mehreren, oder vielen) Schlägen verfängt sich ein Funke in dem Zunder. Hier erzeugt er einen Glutpunkt, der durch vorsichtiges Anblasen vergrössert wird. Das glimmende Zunderstückchen wird in trockenes Stroh oder Heu gepackt (Abb. 10, oben rechts). Durch Blasen oder Schwenken des Bündels in der Luft schlägt nach einer kräftigen Qualmentwicklung eine Flamme daraus hervor.
Ich mache darauf aufmerksam, dass beim Schlagen auf den Feuerstein winzige Splitter davon abbrechen. Sie sind rasiermesserscharf und können Augenverletzungen hervorrufen. Tragt bitte eine Schutzbrille!

Schluss, aus...
Heutzutage macht Feuerschlagen auf diese vorgestellte Art Spass und ist mit Sicherheit ein Knüller bei der nächsten Grillparty. Für den prähistorischen Menschen war es überlebenswichtig. Durch den Zunderschwamm war er nicht mehr abhängig von naturgegebenem Feuer, das penibel gehütet werden musste. Der Mensch wurde zum Feuererzeuger.

Mir selbst ist absolut schleierhaft, wie ein Mensch eine derartige Entdeckung machen konnte.
Hut ab, posthum...