Die 'Kraxe' - funktionell und schön


Einleitung

Im September 1991 wurde am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen/Südtirol der mumifizierte Körper eines vor ca. 5300 Jahre verstorbenen Mannes entdeckt. In seiner Nähe fanden sich unter anderem ein gebogener Haselstock, zerbrochen in vier Teile, und zwei gekerbte Brettchen aus gespaltenem Lärchenholz. Werden diese Brettchen an den unteren Enden des Holzstabes gesetzt ergibt sich daraus ein geschlossenes 'U'. Fell- und Schnurreste deuten darauf hin, dass dort vermutlich ein Fellsack befestigt war und das Ganze ein Rucksack samt Tragegestell darstellt.
Diese Bauform hat sich bis heute erhalten, allerdings besteht das Material mittlerweile aus Aluminium und Nylongewebe.
Die oberen Fotos, aufgenommen im Dortmunder Naturkundemuseum während einer Ötzi-Ausstellung im Juni 2003, zeigen einen Nachbau des Rucksacks. Im Rahmen meiner Fähigkeit habe ich versucht, ein solches Gerät nachzubauen. Aufgrund mangelnder Verfügbarkeit musste ich zum Teil auf andere Materialien als die beim Original(-nachbau) verwendeten zurückgreifen. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass die in diesem Baubericht angegebenen Maße nur in etwa mit dem 'Ötzi-Rucksack' übereinstimmen. Die hier angewendete Technik beim Holzbiegen ist auf mein Unvermögen zurückzuführen. Deshalb fühlte ich mich im Vorfeld dazu veranlasst, einen Korbflechter zu konsultieren. Ein Rattan-Bügel sollte hier 50 Mäuse kosten, aber meine Nagetierzucht war zum Glück anderen Versuchen zum Opfer gefallen.


Biegen des Holzbogens

Meinen ersten Versuch startete ich im Herbst des letzten Jahres. Ich schnitt einen Haselnuss-Schössling von gut 2 Metern Länge und einem Durchmesserbereich von 12 mm bis 18 mm. Nach dem Abschaben des stärkeren Endes auf nahezu Durchmessergleichheit verbrachte dieser Stab den Winter in einem Schuppen, wo er nicht gänzlich austrocknete. Im folgenden Frühjahr versuchte ich ihn nach einem kurzen Befeuchten über einer Flamme des Gasherdes zu biegen. Der Stab brach dabei nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass er an einigen Stellen 'malle' (im Ruhrgebiet ein treffenderes Wort für 'mürbe') wurde. Da die Elastizität fehlte und ein weiteres Biegen vermutlich einen Knick nach sich gezogen hätte, stellte ich diesen Versuch ein.

Bei zweiten Mal probierte ich die Brutal-Methode aus. Der Haselnuss-Stab hatte in etwa die gleiche Länge, war aber in den Durchmessern stärker. Frisch geschnitten und im vollen Saft kam er für eine knappe Woche in ein einseitig geschlossenes Rohr, das mit Wasser befüllt wurde. Nach dieser Wässerung versuchte ich den Stab wieder über der Gasflamme zu biegen. Ich vermute, dass das Hitzevolumen hier nicht ausgereicht hat. Ein offenes Feuer oder besser ein Gluthaufen würden wahrscheinlich bessere Dienste verrichten. Nachdem ich ca. eine halbe Stunde mit dem zwischen beiden Armen gespannten Stab vor dem Herd stand, verlor ich die Geduld (Fehler!). OK, der Stab war nur leicht gekrümmt, dafür meine Armlänge aber um 10 cm gewachsen. Ich bog was das Zeug hielt. Das Zeug hielt aber nicht. Anfangs ein leichtes Knackgeräusch, danach folgte bei weiterer Beanspruchung ein in beide Richtungen gehendes fächerförmiges Aufspleissen des Bogenrückens. Jetzt war's egal und ich wiederholte diesen "Arbeitsgang" mehrere Male links und rechts der aufgespleissten Brüche mit gleichen Endergebnis. Der 180-Grad-Bogen war da, aber das fertige Produkt sah aus als könnte es bei der Bundeswehr anstelle von Stacheldraht Verwendung finden. Ich habe letztendlich die abgespleissten Faser abgerissen und den Rücken des Bogens nachgeschabt. Der Querschnitt des Stabes ist jetzt halbrund und könnte soger noch funktionieren. Der Bogenbauch (innere Krümmung) ist unbeschädigt und das Restmaterial scheinbar noch stark genug. Allerdings sieht es so nicht aus, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Also folgte sofort der dritte Versuch, diesmal nach dem Motto "Die Zeit heilt alle Wunden". Auf der Suche nach einem neuen Haselstab stiess ich auf einen schönen, gleichmässig gewachsenen und knotenfreien Schössling der Felsenbirne. Die Durchmesser betragen 12 mm, bzw. 16 mm bei einer Länge von 2,10 Metern.
Durch die beiden vorhergehenden Versuche abgeschreckt, wollte ich diesmal nicht mittels Hitze biegen. Die jetzige Idee war, in kleinen Schritten zu biegen und dem Stab Zeit lassen sich einer Krümmung anzupassen. Vielleicht geht es, über einen längeren Zeitraum hinweg den Stab um einen entsprechend dicken Baumstamm zu zwingen und mit Moos feuchtzuhalten. Weil mir dieses nicht als praktikabel erschien, baute ich aus Sperrholz eine Hilfsschablone. Sie ähnelt vom Querschnitt einer kleinen Fahrradfelge, die vermutlich auch den gleichen Zweck erfüllen würde, ist aber nur halbkreisförmig gefertigt.
Nach 3 bis 4 Tagen der Wässerung im Rohr band ich den Stab mit seiner Mitte an dem obersten Punkt der Schablone fest. Danach bog ich beide Enden leicht der Kontur folgend und befestigte die Krümmung mittels Nylon-Seilenden. Ein Seil an den Enden des Stabes, ähnlich der Sehne eines (Flitze-)bogens half, den Grad der Krümmung vorher zu bestimmen. Anschliessend wickelte ich ein Handtuch um die Schablone (Krümmungsbereich) und befeuchtete es ständig mit Wasser, um den Stab feucht zu halten.
Im Abstand von 1 bis 2 Tagen wiederholte ich ständig diese Prozedur. Ich erleichterte mir das Biegen, indem ich eine zweite Sehne installierte, die abwechselnd mit der ersten gespannt wurde. Dabei wandert die 'Sehne' immer weiter in Richtung Bogenanfang hinunter. Diese Verfahrensweise ergibt sich von selbst, da die Spannung des Stabes sehr hoch ist und seine Enden ja nicht gebogen, sondern gerade bleiben sollen.
Nach ungefähr 14 Tagen hatte ich den Endstand erreicht. Die Enden des Stabes berührten sich nahezu und ich stellte die Schablone mit dem darumgebogenen Stab zum Trocknen nach draussen. Ich will hier nicht verheimlichen, dass das dünnere Ende des Stabes im Krümmungsbereich leichte Aufspleissungen an der Aussenseite aufweist (siehe Bild 4). Diese sind allerdings so geringügig, dass ein Abbruch dieses Versuches nicht gerechtfertigt erscheint.
Nach weiteren 2 Wochen wurde meine Ungeduld zu gross. Ich nahm mit vor, den Stab aus der Schablone zu entnehmen. Da die Aufspleissungen doch sehr unansehnlich wirken, ich aber keine Lust mehr hatte einen weiteren Stab zu biegen, musste eine Lösung gefunden werden. Getreu dem Motto 'Aus den Augen, aus dem sinn' machte ich aus der Not eine Tugend und umwickelte den Bogen mit Lederstreifen von ca. 2 cm Breite, die ich aus einem Lederstück herausschnitt, das für den Bau des Rucksacks gekauft wurde.
Die einzelnen Lederstreifen waren ungefähr 70 cm lang und ich klebte 5 Stück davon mittels Kontaktkleber hintereinander. Die Klebestellen hatte ich vorher an den Enden einen Zentimeter lang keilförmig zugeschnitten, so dass hier die Lederstärke nicht auffallend zunahm. Eine spiralförmige überlappende Probewicklung zeigte, dass die aussenliegende, nicht überwickelte Kante sehr hoch (Lederstärke 1,8 mm) hervorstand. Um diesen 'Dachpfannen-Effekt' zu mindern schnitt ich auf der ganzen Länge des Lederstreifen auf der Rückseite einen ein Zentimeter breiten Keil heraus. Der Schnitt reicht bis fast zur Oberseite des Leders. Die Unterseite und und der überlappende Teil des Lederstreifens, sowie der Holzbogen wurden mit Kontaktkleber bestrichen. Nach dem Antrocknen wurde der Bogen fest mit dem Leder umwickelt. Die formhaltende Nylon-Sehne verblieb ständig am Bogen.


Die untere Verstrebung

Für die Brettchen, die am unteren Ende des Tragegestells befestigt werden sollten, wählte ich ein dickeres Stämmchen eines Haselnuss-Strauches. Dieses Holz ist stabil, gut bearbeitbar und in getrocknetem Zustand ziemlich leicht. Nach dem Sägen auf ein Maß von ca. 50 Zentimetern Länge spaltete ich das Holz mehrfach und glättete die Oberfläche erst mit einem Beil, dann mit dem Messer. Die groben Schnitte beliess ich, um dem Ganzen ein rustikales Aussehen zu verleihen. Anschliessend schnitt ich beidseitig Kerben in die Enden beider Brettchen. Der Abstand dieser Kerben muss der Breite des Bogens angepasst werden.
Die Enden des Tragegestells habe ich gekürzt, nachdem ich den Ledersack fertiggestellt hatte. Es ergaben sich dabei für die Breite 38 cm bei einer Länge von ca. 76 cm bis zur höchsten Stelle gemessen. An den Enden schnitt ich Abflachungen in das Holz, die der Breite zwischen den Kerben der Brettchen entsprechen. Hier war ein abwechselndes Anpassen unbedingt notwendig. Da ich dunkleres Holz schöner finde, beizte ich zum Schluss die Holzteile entsprechend. Nach ausreichender Trockenzeit wurden sie dann mit Leinöl mehrfach eingerieben. Aus Kostengründen sollte das Anbinden der Brettchen mit Lederriemen an die Stabenden nach dem 'Nähen' des Ledersacks erfolgen. Dabei fallen einige Reste an, die dafür verwendet werden können.


Die obere Querverspannung

Als endgültige Querverspannung unterhalb des Krümmungsbereiches wäre auch ein Brettchen denkbar. Ich entschied mich für einen starken Lederriemen (ggf. ein Seil aus Pflanzenfasern, z. B. Hanf), weil sich ein Riemen dem Schulterbereich flexibel anpasst. Das ist mit Sicherheit komfortabler als ein steifes Brett, das auf den Buckel drückt. Dem Riemen fertigte ich aus drei 2 Meter langen Lederriemen, die miteinander verflochten wurden. Die Länge ist ausreichend, um den Riemen dreimal hin bzw. zurück zu verspannen. Ein Tipp: Um diesen Lederriemen zu entlasten, benutze ich bei Nichtgebrauch des Rucksacks immer noch zusätzlich das Nylonsseil.
Auf die gleiche Weise stellte ich noch zwei weitere Riemen her, welche die Funktion der Trageschlaufen übernehmen sollten. Da der Riemen trotz des Flechtens zu schmal, und deshalb unbequem war, wurde er flach und mittig zusammengelegt um die doppelte Breite zu Erreichen. Das Verbinden der beiden Hälften geschah mit einem weiteren, dünneren Lederriemen, der die inneren Flechtungen miteinander verband. Auf diese Weise entsteht an einem Ende eine kleine Schlaufe, an anderen sechs Riemenenden. Die Enden werden mit einer Lederlasche verknotet, über deren Länge auch die Länge des kompletten Trageriemen angepasst werden kann. Ich hätte gerne die Lederlaschen am Eckpunkt Bogenende/Querverspannung befestigt um das Gewicht des später vollen Rucksacks auf das Tragegestell zu leiten. Das mag funktionieren sofern man ein Kreuz wie ein Bergmann besitzt. Ansonsten hängt der Rucksack instabil und rutscht ständig von den Schultern. Die Schlaufen am unteren Ende des Doppelriemens dienen als Verschluss und werden über die Enden des Holzbogens geschoben.


Der Ledersack

Für den Rucksack kaufte ich ein Restlederstück von 1,8 mm Dicke. Eigentlich hätte ich gern den Bereich 'Lasche' für eine Überlappung ungefähr 10 bis 15 Zentimeter länger gehabt, aber das Stück gab halt nicht mehr her. Die 3x3 mm und 2 Meter langen Lederriemen kaufe ich bei einem Strassenhändler, wie sie oft in der Innenstadt zu finden sind. Man sollte sofort eine ausreichende Menge kaufen. Ich habe festgestellt, dass die Riemen von Charge zu Charge maßliche Differenzen aufweisen können. Mit diesen Riemen werde ich später den Ledersack schön rustikal zusammennähen. Die Form des Lederzuschnitts habe ich gewählt, weil sich so die Naht an der Rückenseite befindet. Das hat den Vorteil, dass die Lederriemen nach dem Nähvorgang am Tragegestell enden und dort zur Befestigung des Ledersackes verknotet werden können.
Hier seien noch einige Tipps erwähnt. Zum Schneiden sollte man ein feststehendes, stabiles Teppichmesser mit einer möglichst dünnen Klinge verwenden. Messer mit Abbrechklingen haben im Übergang Klinge/Griffstück zuviel Spiel und sind somit für einen genauen Schnitt ungeeignet. Zum zweiten sollte man sich unbedingt eine Schablone aus Packpapier schneiden und an dieser die Maße nach dem Falten bzw. Heften probieren. Leder ist teuer, aber eine Schablone aus Papier ist bei einem Fehler schnell ersetzt. Desweiteren sollte man keine Striche aussen auf das Leder zeichnen. Kleine Punkte im Innenbereich, die die Eckpunkte markieren reichen in der Regel für einen exakten Schnittverlauf.
Ich habe nach dem Zuschnitt des Leders die Nahtkanten mit Kontaktkleber fixiert. Das hat den Vorteil, dass auf der ganzen Länge Lochungen angebracht werden können, die sich beim Nähen nicht mehr gegenseitig verschieben. Für die Löcher benutzt ich eine Lochzange mit einem möglichst kleinen, eben ausreichendem Durchmesser, um den Lederriemen schon in jedem Loch stramm zu fixieren.
Beim Zusammenfügen der Nähte mit den Lederriemen bin ich wie folgt vorgegangen: Als erstes wird ein Riemenende mit dem Messer spitz zugeschnitten und mit Sekundenkleber bestrichen. Nach dem Trocknen ist diese Spitze knochenhart und prima als Nadelersatz zu verwenden. Es ist hilfreich, die Riemen vor dem Nähen leicht einzufetten. Anschliessend habe ich vom Rückenteil ausgehend den Lederriemen durch die vorgestanzten Löcher geführt und dann kreuzförmig durch die gleichen Löcher zurück. Da am Anfang der Naht das Ende des Riemens ca. 15 cm überstehen sollte, erhalte ich nach der Rückführung des Riemenspitze zwei Riemen an der Rückenseite des Rucksacks. Je nach Länge der verwendeten Riemen entstehen so mehrere Endenpaare. Diese Ende werden benötigt, um später den Rucksack links und rechts mit Verknotungen am Tragegestell zu befestigen.


Ich habe fertig...

So langsam nähere ich mich dem Ende dieses Bauvorhabens. Das Manko des fehlenden Leders an der oberen Lasche habe ich kompensiert, indem ich ein Fell dort angeknotet habe, welches ich auf dem Trödelmarkt erstand. Der Händler war der Meinung es handele sich dabei um 'Yeti', hinterher einigten wir uns auf 'Hirsch'. Jedenfalls ist es ziemlich haarig. Da es diese Haare zudem auch noch ab und zu verliert, meint meine Frau, es ist zuuu haarig, und der Rucksack habe sein weiteres Dasein ab jetzt im Keller zu verbringen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ötzi diese Probleme kannte. Wahrscheinlich hatte er keinen Keller.

Ein Gimmick zu Schluss: Auf den Bildern erkennt man aussen an der Seite ein angeknöpftes Lederstück. Ich nenne es das 'Wald- und Vespermodul' mit Messerchen. Desweiteren wäre zu Beispiel denkbar das 'Kulturmodul' mit Opernglas oder das 'Abenteuermodul' mit Beate-Uhse-Sortiment. An dieser Stelle sei der Phantasie freien Lauf gelassen.